„Scribe instrumenta quae unam rem bene agant; utere fistulis ad fluxus colligendos.“
Briannus Kernighanus, De Philosophia Systematica

„Schreibe Werkzeuge, die eine Sache gut ausführen; gebrauche Röhren, um die Ströme zusammenzuführen.“
Briannus Kernighanus, Über die systematische Philosophie

Anno Domini MCMLXIX, in claustro opulento quod a fratribus Bellensibus in Colle Murrayensi colebatur, magna confusio mentes magistrorum occupavit. Moliebantur enim opus immane atque scholasticum, Multics nominatum, quod omnes scripturas mundi uno tomo et infinitis glossis complecti debebat. Sed sicut Turris Babelica, hoc monstrum sub propria mole corruit: regulae regulis cumulabantur, volumen vix gestari potuit, et nemo iam intellexit quid esset fundamentum.
Im Jahre des Herrn 1969, in dem wohlhabenden Kloster, das von den Bell’schen Brüdern auf dem Murray-Hügel bewirtschaftet wurde, ergriff eine große Verwirrung die Geister der Magister. Sie planten nämlich ein ungeheures und scholastisches Werk namens Multics, das alle Schriften der Welt in einem einzigen Band und mit unendlichen Glossen umfassen sollte. Aber wie der Turm von Babel stürzte dieses Ungeheuer unter seiner eigenen Last zusammen: Regeln wurden auf Regeln gehäuft, der Band konnte kaum noch getragen werden, und niemand verstand mehr, was das Fundament war.
Tunc duo fratres ingenio acerrimi, Dionysius Riccius et Kenethus Thompsonius, vanitatis taedio affecti, e magna aula discesserunt. In cellam secretam se contulerunt, ubi apparatus neglectus ac modicus iacebat, quem PDP-Septimam vocabant. Dixerunt inter se: „Cur intellectum obscuramus? Puritas in parvis rebus constat.“
Da verließen zwei Brüder von schärfstem Verstande, Dionysius Riccius und Kenethus Thompsonius, von Überdruss an dieser Eitelkeit ergriffen, die große Halle. Sie begaben sich in eine geheime Zelle, wo ein vernachlässigter und bescheidener Apparat lag, den sie die PDP-Siebte nannten. Sie sprachen untereinander: „Warum verdunkeln wir den Verstand? Die Reinheit besteht in kleinen Dingen.“
Ibi novum ordinem excogitaverunt, quem UNIX appellari placuit. Primum dogma eorum erat simplex: Omnia sunt fasciculi. Nihil aliud extat praeter litteras simplices et continua signa pergameni.
Dort dachten sie sich eine neue Ordnung aus, die man UNIX zu nennen beliebte. Ihr erstes Dogma war einfach: Alles sind Bündel [Dateien]. Nichts anderes existiert außer einfachen Buchstaben und fortlaufenden Zeichen des Pergaments.
Sed maxima illuminatio orta est cum frater Duglassius Macilroius scriptorium ingressus est. Videns fratres varios textus manu transcribentes, dixit: „Cur unus monachus legere, purgare et disponere simul conatur? Sit unus qui pergamentum lustret (scrutare), alius qui versus connectat (concatena). Coniungamus opera eorum sicut aqua per tubos ducitur.“
Aber die größte Erleuchtung entstand, als Bruder Duglassius Macilroius das Skriptorium betrat. Als er sah, wie die Brüder verschiedene Texte von Hand abschrieben, sprach er: „Warum versucht ein einziger Mönch zugleich zu lesen, zu bereinigen und anzuordnen? Es gebe einen, der das Pergament mustert (scrutare), einen anderen, der die Zeilen zusammenkettet (concatena). Verbinden wir ihre Werke, so wie Wasser durch Röhren geleitet wird.“
Ita inventa est fistula (|). Per hanc fistulam fluxus egressus unius fratris statim fit fluxus ingressus alterius, sine mora et sine superfluo pergamento. Briannus Kernighanus, videns tantam harmoniam, regulam auream mandavit memoriae: instrumenta debere esse parva, acuta et ad societatem facilia.
So wurde die Röhre (|) erfunden. Durch diese Röhre wird der austretende Strom des einen Bruders sofort zum eintretenden Strom des anderen, ohne Verzug und ohne überflüssiges Pergament. Briannus Kernighanus, der eine so große Harmonie sah, überlieferte dem Gedächtnis die goldene Regel: Die Werkzeuge müssen klein, scharf und für die Gemeinschaft tauglich sein.
Subtus omnia posuerunt nucleum, qui silenter in tenebris vigilat, dum daemones ministeriales nocte dieque orant et curant. Nullus tumultus, nulla ambitio: solus curator supremus, si ordo turbetur, iussu suo res ad nihilum redigit.
Unter alles setzten sie den Kern (nucleus), der schweigend in der Finsternis wacht, während dienende Geister (daemones ministeriales) Tag und Nacht beten und Sorge tragen. Kein Aufruhr, kein Ehrgeiz: Allein der oberste Aufseher (curator supremus) bringt, wenn die Ordnung gestört wird, auf seinen Befehl hin die Dinge ins Nichts zurück.
Quod doctores scholastici olim verbis perplexis impediebant, fratres illi secedentes paucis signis liberis perpetuae laudi tradiderunt.
Was die scholastischen Doktoren einst mit verworrenen Worten behinderten, haben jene abtrünnigen Brüder mit wenigen, freien Zeichen zu ewigem Lobe überliefert.

Lust auf mehr Latein? Der Ab Ovo Podcast ist in lateinischer Sprache mit italienischem Akzent.

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