Der gesamte Laden wurde geschlossen in Schulungen geschickt. Dort lernten wir alles über Sprints, Product Owner und das Agile Manifesto. Mir war das recht. Ich mache seit 20 Jahren Extreme Programming (XP). Pair Programming, Test-Driven Development und Continuous Integration sind für mich keine Schlagworte, sondern schlicht professionelles Handwerk. Ich dachte: „Endlich ziehen alle nach.“
Die Wirklichkeit: Das Theater der Rituale
Was folgte, war jedoch kein agiler Aufbruch, sondern die Errichtung einer bürokratischen Kulisse.
- Das Daily: Verkam zum rituellen Statusbericht an den Chef. Wer nicht genug Tickets „bewegt“ hatte, musste sich rechtfertigen.
- Die Retrospektive: Ein höfliches Kaffeetrinken, bei dem die Elefanten im Raum (technische Schulden, Architekturfehler) konsequent ignoriert wurden.
- Jira als Peitsche: Agilität wurde mit lückenlosem Micro-Management durch das Ticket-System verwechselt.
Es fühlte sich an wie eine Religion, deren Priester (Scrum Master) peinlich genau auf die Einhaltung der Liturgie achteten, während das Produkt im Chaos versank.
Dieses Phänomen ist nicht neu. Richard Feynman prägte 1974 den Begriff der „Cargo Cult Science“. Er beschrieb Inselbewohner in der Südsee, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Flugzeuge der US-Armee vermissten, welche sie mit Waren (Cargo) versorgt hatten.
Also bauten sie Landebahnen aus Sand, errichteten Tower aus Bambus und setzten sich hölzerne Kopfhörer auf. Sie kopierten die äußere Form eines Flughafens perfekt. Aber die Flugzeuge kamen nicht.

In der IT machen wir heute oft genau das: Wir bauen die „Bambus-Tower“ aus Jira-Boards und Daily-Meetings und wundern uns, warum keine Innovation landet. Wir kopieren die Form, ignorieren aber die Substanz.
Werkstatt vs. PowerPoint: Die Wahrheit der Materie
In meiner Werkstatt gibt es keinen Cargo-Kult. Wenn ich an der Drehbank stehe und eine Passung vermassle, hilft mir kein Daily Stand-up und keine PowerPoint-Präsentation. Das Teil ist Schrott. Die Realität gibt mir sofortiges, unbestechliches Feedback.
SpaceX macht das im großen Stil vor: Sie lassen Raketen explodieren (RUD – Rapid Unscheduled Disassembly). Das ist kein Versagen, sondern ein massiver Datengewinn. Anstatt drei Jahre am Reißbrett zu stehen und Sicherheits-Präsentationen zu halten, bauen sie Hardware, testen sie bis zur Zerstörung und lernen daraus.
„The first principle is that you must not fool yourself – and you are the easiest person to fool.“ – Richard Feynman
Echte Agilität bedeutet, sich nicht selbst zu betrügen. Es bedeutet, eine Idee scheitern zu lassen – aber eben schnell. Wenn wir in einem Projekt merken, dass eine Architektur-Entscheidung Mist war, müssen wir sie wegwerfen. Auch wenn wir dafür schon drei Sprints investiert haben und alle die Idee anfangs „cool“ fanden.
Fazit
Integrität schlägt Prozess. Wenn der „agile Prozess“ nur dazu dient, das Scheitern hinter hübschen Burndown-Charts zu verstecken, ist er wertlos. Wir sollten wieder mehr wie Maker denken: Weniger Zeremonien, mehr ehrliches Feedback von der „Materie“ – egal ob das Material nun Stahl oder Rust-Code ist.
Quellen und Links
- „Surely You’re Joking, Mr. Feynman!“ von Richard Feynman

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