Was mich als Feuerwehrmann frustriert, ist nicht der Brand selbst. Brände gehören zum Job. Was wirklich nervt, ist das System dahinter – besonders bei sogenannten Problemimmobilien. Das sind Häuser, die offiziell irgendwem gehören, praktisch aber niemandem. Gebäude, die auf dem Papier Investmentobjekte sind, in Wirklichkeit aber nur noch Kulisse für soziale Brüche, Gewalt, Drogenszenen oder einfach für Gleichgültigkeit. Sie verfallen langsam, dann plötzlich, und irgendwann in einem Tempo, das nur noch in Richtung eines einzigen Ergebnisses zeigt: Feuer.

Man sieht es als Feuerwehrmann oft früher als alle anderen. Die zerstörten Oberlichter, durch die der Regen seit Monaten ungestört in die Geschosse tropft. Die Möbel und Matratzen, die irgendjemand ins Treppenhaus geworfen hat, als wären Fluchtwege optional. Die improvisierten Kochstellen, die Kabel, die aus Wänden hängen, die Wärmequellen, die eher wie Brandbeschleuniger wirken. Jedes Mal, wenn man wieder dort ist, hat das Gebäude noch ein Stück mehr aufgegeben. Und man selbst auch, ein kleines bisschen.

Gewinn privatisieren – Risiken sozialisieren

Richtig zynisch wird es, wenn der Eigentümer auftaucht. Es ist immer dieselbe Choreografie: Betroffenheit, Kopfschütteln, ein paar Sätze wie „Da müsste man wirklich was machen“, und dann verschwindet der Mann wieder, bis zum nächsten Feuer. Man weiß in dem Moment ganz genau, dass hier schon lange kein echtes Interesse an einem funktionierenden Gebäude mehr existiert. Es geht um Spekulation, um Optionen, um Zeit schinden. Sanieren lohnt sich nicht, sichern kostet Geld, eine Brandmeldeanlage wäre gebührenpflichtig – also bleibt das Haus einfach sich selbst überlassen, und wir dürfen kommen, wenn es wieder einmal brennt. Das nennt sich „Gemeinwesenpflicht“, und das bedeutet, dass am Ende die Gemeinde zahlt. Der Investor nicht.

Für uns bedeutet das: rein in das stinkende, nasse, instabile Chaos. Schlauchleitungen über halbe Straßenzüge. Atemschutztrupps, die sich durch verdunkelte, verschachtelte Betonflure kämpfen, die in besseren Tagen schon nicht übersichtlich waren. Treppenhäuser, die völlig vermüllt sind und bei jedem Schritt die Frage aufwerfen, ob man im Brandrauch rechtzeitig zurückfindet. Es sind Einsätze, die sich nie gut anfühlen, weil es nicht einfach „ein Brand“ ist, sondern die letzte Konsequenz einer langen Kette von Entscheidungen, die andere getroffen oder eben nicht getroffen haben.

Verwüstung
Manchmal erzählt ein einziges Detail mehr als ein ganzes Gebäude.

Am Ende stehen wir als Feuerwehr immer da, wo alle Verantwortlichkeiten zusammenfallen: An der Schwelle eines Hauses, das längst im Stich gelassen wurde. Wir löschen, weil wir löschen müssen. Wir gehen rein, weil jemand dort drin sein könnte. Wir übernehmen Verantwortung, weil sonst niemand es tut. Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn man weiß, dass manche dieser Brände nie hätten stattfinden müssen – und dass es Menschen gibt, die sogar davon profitieren, dass nichts passiert, bis es brennt.

Fazit

Ich werde auch beim nächsten Mal wieder ausrücken. So funktioniert Feuerwehr. Aber ich nehme mir das Recht, laut zu sagen, was viele denken: Dieses System ist unfair. Nicht nur gegenüber uns, sondern gegenüber der Gemeinde, gegenüber den Menschen, die dort stranden, und gegenüber jedem, der versucht, seine Arbeit ordentlich zu machen. Manche Gebäude sind kein Pech. Sie sind eine politische und gesellschaftliche Entscheidung, die auf dem Papier schön aussieht – und in der Realität uns mit dem Strahlrohr im Dreck stehen lässt.

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