Sternzeichen und Ephemeridenberechnung

Manchmal werde ich ja von Leuten, die ich gerade erst kennen gelernt habe, nach meinem Sternzeichen befragt. Da ich mich nun so gar nicht für diesen astrologischen Mumpitz interessiere, stehe ich bei dieser Frage üblicherweise auf dem Schlauch. Mit meinem Geburtsdatum ermitteln diese neuen Bekannten ein Tierkreiszeichen und dichten mir diese oder jene Charaktereigenschaften an und freuen sich, dass diese Eigenschaften just denen des Sternzeichens entsprechen. Nun ja, es handelt sich um frische Bekanntschaften und da darf die Einschätzung der eigenen Person noch ein wenig oberflächlich sein.

Aber irgendwann will man es vielleicht doch genauer wissen und die Recherchemöglichkeiten des Internets sind ja praktisch unbegrenzt. Was allerdings bei einschlägigen astrologischen Seiten auffällt, ist die Zuordnung der Geburtstage zu einem Tierkreiszeichen, die anscheinend schon seit Jahrhunderten gelten.

Mit Gnuplot lassen sich die Ephemeridendaten visualisieren

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Spätestens hier müssen wir Kenntnisse aus der Himmelsmechanik heranziehen. Denn das Sternzeichen, in dem ein Mensch geboren wird, ist definiert durch die Konstellation, in der die Sonne zu dem Geburtsdatum steht. Steht die Sonne also z.B. im Sternbild der Jungfrau, bleibt diesem Menschen sein Leben lang dieses Sternbild zugeordnet.

Nun ist aber die Astrologie eine Beschäftigung, die die Menschen seit Jahrtausenden betreiben und auch die Astronomie ist eine Wissenschaft, die sich letztendlich aus dieser Beschäftigung ableitet. Heute lässt sich aus präzisen Beobachtungen die Bahn eines Himmelskörpers sehr genau berechnen. Und, was noch schöner ist: Mit geeigneter Software kann jeder Computeranwender diese Berechnungen zumindest simulieren.

Monty? Python!

Zu diesem Zweck habe ich mir, da ich gerne in Python programmiere, die Softwarebibliothek PyEphem installiert, die kostenlos zu bekommen ist. Damit lassen sich auch mit rudimentären Programmierkenntnissen astronomische Berechnungen durchführen. Die Vorhersage von Sonnenaufgängen, Mondphasen, Planetenbahnen oder sogar die aktuelle Position der ISS sind kein Problem.

Also werfe ich doch mal die Berechnung an, um das Sternzeichen für den 11. September 1970 zu ermitteln:

>>> from ephem import *
>>> s = Sun('1970/9/11')
>>> print constellation(s)
('Leo', 'Leo')

„Leo“, also Löwe: Das überrascht mich! Schließlich hatten meine Bekannten mir versichert, aufgrund uralter astrologischer Erkenntnisse sei ich vom Sternzeichen eine Jungfrau. Wer hat nun Recht?

Definition des Frühlingspunkts [Bild: Wikipedia]

Des Rätsels Lösung liegt hier im Schlüsselwort „uralt“: Die Erde dreht sich zwar um eine feste Achse, aber jeder der schon einmal einen Kreisel gesehen hat, wird festgestellt haben, dass dessen Spitze nicht immer in die selbe Richtung zeigt, sondern wiederum einen Kreis beschreibt. Diese Bewegung nennt man Präzession und die Erde macht genau das gleiche, nur viel langsamer. Dadurch verschiebt sich der sogenannte Frühlingspunkt, also die Ausrichtung der Erdachse gegenüber dem Sternenhimmel. Insofern ändert sich auch das scheinbare Sternzeichen, denn der Sternhimmel ändert sich nicht weit weniger schnell.

Früher war alles … anders

Das bedeutet, dass jemand, der z.B. in diesem Jahrzehnt geboren wird, vielleicht den selben Geburtstags wie Julius Cäsar hat, aber die Sonne nicht im selben Sternzeichen steht. So wird aus ihm wahrscheinlich kein großer Feldherr. Oder vielleicht doch: Die Idee, einem Menschen wegen seines Geburtszeitpunkts bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben, finde ich genau so abwegig, wie das wegen seiner Nationalität oder Herkunft zu tun. Insofern sind Astrologen keinen Deut besser als Rassisten. Nur gesellschaftlich irgendwie eher akzeptiert.

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